Mittwoch, 4. November 2015

Dichtung und Wahrheit

Diese Wahrnehmung hatte ich bei meinen letzten Konzertbesuchen aus dem Augenwinkel. Wirklich aufgefallen ist sie mir zunächst nicht, vielleicht weil ich sie nicht sehen wollte. Aber nun kam sie mir mit einem Schlag in den Blick, so wie man plötzlich ein Detail auf einem Bild entdeckt welches man schon oft angesehen hat. 
Immer wieder erwische ich Orchestermusiker nach einem Konzertbesuch bei der zeitigen Heimreise. Nun ist es so, dass ich - wie die anderen Besucher auch - sogleich zur Garderobe gehe um dann das Konzerthaus zu verlassen nachdem die Musik vorüber ist. Ich halte mich nicht lange auf. Und dann sehe ich an der Strasse im Strom des enteilenden Publikums eine Musikerin mit Instrument auf dem Rücken in Begleitung ebenfalls davon eilen. Ein anderes Mal fahre ich direkt vom Auftrittsort mit der Bahn zum Hauptbahnhof. Ich habe es eilig. Und just sehe ich dort in der großen Halle zwei Musiker die ich noch vor einigen Minuten auf der Bühne gesehen habe, nun beim Heraussuchen der nächsten Reiseverbindungen. Unglaublich! Wie kann jemand der gerade noch schwierigstes Weltrepertoire mit vollem Einsatz interpretiert hat schneller als ich beim Hauptbahnhof sein! Unerhört! Mir wäre es ja am liebsten wenn sich die Musiker nach dem Konzert noch lange erschöpft in den Armen liegen würden, die großartige Leistung feiernd und etwaige Änderungen für die Zukunft diskutierend. Um dann nach einem langen Abend weinselig in ihr jeweiliges Hotelbett zu fallen. So viel Anstrengung wäre der Vortrag für mich schon wert, oder? Da bekomme ich ja fast das Gefühl als sei der Beruf des Orchestermusikers wirklich ein “normaler” Beruf wie viele andere auch. Bei dem man nach der Arbeit eben das tut, was die meisten tun: nach Hause gehen. Wäsche waschen. Privatleben.
Gut, über so viel Naivität muss selbst ich den Kopf schütteln. Aber so bin ich eben. Ich lasse mich nunmal gerne von dieser verklärten Blase die ein Orchesterkonzert erzeugen kann vereinnahmen. Und ich weigere mich diese zu verlassen.

Also tröste ich mich damit: vielleicht ist es ja auch dem Vortrag dienlich, wenn einem Instrumentalisten in der zweiten Violine am Anfang eines energischen Crescendo einfällt dass er vorhin im Supermarkt vergessen hat Milch einzukaufen.